Einer für einander: Der Priester Paulus

von Robert Vorholt

Quelle: RuhrWort, Wochenzeitung im Bistum Essen

Sie haben ihren Apostel nicht geschont. Immer wieder muss er aufbrechen, sich auf den Weg machen zu den Christen von Korinth und anderswo. Wenn er selbst nicht kommen kann, schickt er einen Mitarbeiter. Oder er schreibt ein paar Zeilen. Klärungsbedarf gibt es genug. Die Frage, wie der christliche Glaube und das konkret gelebte Leben zusammengehen, stellt sich den Christen seit jeher immer neu und immer anders. Paulus arbeitet rastlos. Er ist ein unermüdlicher Botschafter Jesu. Und ein verlässlicher Seelsorger. Ein Zeuge der Wahrheit und gerade darin ein Brückenbauer.

Umso mehr mag es ihn betrübt haben, dass es Streit in Korinth gab - und zwar nicht nur der Christen untereinander, sondern der Gemeinde mit ihm. Es ging nicht nur um die Sache; es ging ins Persönliche. Es waren Stimmen laut geworden, die an der Richtigkeit seiner Theologie und mehr noch an der Glaubwürdigkeit des Apostels zweifelten. Dieser Streit setzt Paulus mächtig zu. Als kaum noch etwas geht, skizziert er ein bemerkenswertes Portrait von sich selbst. Er sagt: „In allem erweisen wir uns als Gottes Diener: in großer Geduld, in Traurigkeiten, Nöten und Ängsten, unter Schlägen, in Gefängnissen, in Zeiten der Unruhe, unter der Last der Arbeit, in durchwachten Nächten, im Fasten, in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im heiligen Geist, in ungeheuchelter Liebe, im Reden der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, in Ehre und Schande, in bösen Gerüchten und in guten Gerüchten..."(2Kor 6, 4-11).

Jede Widrigkeit, die sich ihm in den Weg stellen will, kann der Apostel im Blick auf Gott überwinden. Selbst in größter Anfechtung lässt er sich nicht klein machen, auch nicht entmutigen, sondern schaut auf die Quelle seiner Berufung, die ihn die Wirklichkeit bestehen lässt - im Blick auf eine tiefere, größere Wahrheit, von der er sich gerufen und in Dienst genommen weiß - fast so wie Johann Michael Sailer, der als Bischof in schwerer Zeit, vielleicht Paulus vor Augen, in sein Tagebuch schreibt: „Mögen Sie mich ‚Finsterling' und ‚Tor' nennen, Du, Christus, bist es wert, Einziger!".
Paulus weiß um die Wurzeln seiner Sendung. Darum weiß er auch um ihren Wert. Er lebt aus der tiefen inneren Gewissheit, „Diener Gottes" sein zu dürfen. Diese Gewissheit ist für ihn allerdings kein Selbstzweck. Sie will nicht zuerst das eigene Ego, die eigene Befindlichkeit formen, sondern konzentriert sich auf ein höheres Ziel: auf den Aufbau der Kirche Gottes und die Sorge um die Menschen. Beides ist aus paulinischer Sicht ein zutiefst priesterlicher Dienst. So sehr, dass er bald von einem Brief sprechen wird, den er den Römern geschrieben habe als ein Diener Jesu Christi, der die Frohbotschaft Gottes priesterlich verwalte, damit die Glaubenden im Heiligen Geist ein Opfer seien, das Gott gefällt (vgl. Röm 15,16).

Paulus stellt sich hier als Priester vor, der ein Opfer darbringt. Priester und Opfer gab es zu seiner Zeit nicht eben selten: in den Tempeln der heidnischen Umgebung, vor allem aber in Jerusalem, der Heiligen Stadt, wo der Tempel des einen und heiligen Gottes Israels stand. Anders als die Priester dort will Paulus aber keine Fleisch- und Brandopfer darbringen. Ihm geht es vielmehr darum, Gott und die Menschen miteinander in Verbindung bringen - nicht aus eigener Kraft, sondern weil Gott selbst ihm die Möglichkeit dazu gewährt. Denn mit der Auferweckung Jesu, davon war der Apostel überzeugt, hat sich etwas Neues getan, vom dem das Leben eines jeden Menschen zutiefst betroffen ist. Gab es zuvor unter der Macht des Bösen und des Todes keine wirkliche Hoffnung, stehen die Signale für alle Menschen von nun an auf Versöhnung und Zukunft und Leben. Das ist für Paulus der Kern des Evangeliums. Diese Gute Nachricht muss den Menschen jedoch auch verkündet und vermittelt sein. Genau dazu weiß er sich in Pflicht genommen, darin erkennt er die Mitte seines priesterlichen Dienstes.

Wenn Paulus darum als Priester Menschen bestärkt und tröstet, sie segnet, für sie betet und ihnen den Frieden Christi wünscht, wenn er die großen Sakramente der Kirche feiert, Taufe und Eucharistie, geht es im Letzten darin, den Menschen die Liebe Gottes zu zeigen und zuzueignen, jene Liebe, die „am größten" ist (1Kor 13). Wie weit sie reicht, kann der Apostel am Kreuz Jesu Christi ablesen. Die Kraft des Kreuzes ist der Grund echter Hoffnung. Dafür steht er ein, der Priester Paulus - mit dem Zeugnis seines ganzen Lebens. Aber gerade so ist „einer für andere".

Der Autor ist Assistent am Lehrstuhl Neues Testament der Katholisch-Theologischen Fakultät Bochum. 2008 erschien seine Doktorarbeit „Der Dienst der Versöhnung".

Quelle: RuhrWort, Wochenzeitung im Bistum Essen