Alle für einen: Das priesterliche Gottesvolk

von Esther Brünenberg-Bußwolder

Quelle: RuhrWort, Wochenzeitung im Bistum Essen

Ein halbes Jahrhundert ist fast schon vergangen, seit die Kirchenkonstitution Lumen Gentium („Licht der Völker") des Zweiten Vatikanischen Konzils formulierte: „Die Getauften werden durch die Wiedergeburt und die Salbung mit dem Heiligen Geist zu einem geistigen Haus und einem heiligen Priestertum geweiht" (LG 10). Das klingt immer noch revolutionär. Denn allzu sehr ist seit dem Heranwachsen der Kirche in den ersten Jahrhunderten und der Herausbildung der Weiheämter die scharfe Trennung zwischen Klerikern auf der einen und Laien auf der anderen Seite betont worden. Allzu sehr ist dabei in Vergessenheit geraten, wie sehr die Kirche nach der biblischen Überlieferung davon geprägt ist, dass jeder Gläubige berufen ist, Priester zu sein. Damit wird das Weihe-Priestertum nicht überflüssig, im Gegenteil. Es gibt eine wechselseitige Zuordnung. Das Priestertum aller bleibt angewiesen auf Christus, das Haupt, das sichtbar vergegenwärtigt wird durch die Person des amtlichen Priesters. Umgekehrt gilt: Das amtliche Priestertum ist für das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen da.

Was das Zweite Vatikanum neu entdeckt, geht auf den 1. Petrusbrief zurück, eine nicht so bekannte, aber wichtige Schrift des Neuen Testaments. Der Brief wendet sich an Christen, die als verfolgte Minderheit in der Diaspora von Kleinasien leben. Sie sind berufen, Priester zu sein. „Wenn ihr zu ihm hintretet, zum lebendigen Stein, der von den Menschen zwar verworfen wurde, bei Gott aber auserwählt und kostbar ist, dann lasst euch selbst aufbauen als lebendige Steine zu einem geistlichen Haus, zu einer heiligen Priesterschaft, um geistliche Opfer darzubringen, die Gott angenehm sind durch Jesus Christus" (1 Petr 2,4f.). Der Brief fährt fort, indem er den angefochtenen Gläubigen, Männern wie Frauen, Stärke und Würde zuspricht: „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliges Volk, das Volk, das er sich zu eigen machte, damit ihr verkündet die Wohltaten dessen, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat. Ihr seid die, die einst kein Volk waren, jetzt aber das Volk Gottes sind, die einst keine Barmherzigkeit erlangten, jetzt aber Barmherzigkeit erlangt haben." (1 Petr 2,9f.)

Wer dächte beim „geistlichen Haus", beim Priestertum und Opfer nicht an den Tempel als Wohnstätte Gottes? Der Erste Petrusbrief hat aber nicht ein Gebäude vor Augen, sondern gläubige Menschen. Lebendige Steine sind sie. Aus diesen lebendigen Steinen besteht das Gotteshaus - Zeichen dafür, dass im Zentrum dieses Hauses der lebendige Auferstandene steht, auf den die Gemeinde schaut, zu dem sie hintritt (1 Petr 2,4) und mit dem sie auf die volle Offenbarung der Herrlichkeit Gottes hofft.

„Königliche Priesterschaft", „auserwähltes Geschlecht", „heiliges Volk - die Bezeichnungen sind nicht neu. Sie stammen aus dem Alten Testament (Ex 19,6). Dort fallen sie an prominenter Stelle: zwischen dem Auszug Israels aus Ägypten und der Offenbarung Gottes auf dem Berg Sinai. Das ganze Volk ist berufen, in der Welt und vor den Völkern Zeugnis von Gott abzulegen. Mit der Erwählung geht jedoch auch ein Auftrag einher. Grundlage des Bundesschlusses sind die Zehn Gebote, eine anspruchsvolle Ethik allen Menschen gegenüber und zudem eine hohe Ehrfurcht Gott gegenüber. Die unvergleichliche Gottesnähe, die das Volk Israel in seiner Berufung erfahren hat, galt es, in der Beziehung zu Gott und den Menschen zu leben.

Dieses starke Bild überträgt der Erste Petrusbrief auf die Christen. In der Mehrzahl sind sie keine Juden, sondern ehemalige Heiden. Dennoch können auch sie rufen: „Wir sind das Volk". Denn sie können sich auf Jesus berufen: Er ist es, der sie berufen hat.

Priester sind die Christen, „damit ihr verkündet die Wohltaten dessen, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat" (1 Petr 2,9). Das Lob Gottes, die Verkündung der Befreiungstat Gottes, die in der Erwählung und Berufung jedes einzelnen in sein Volk besteht, ist die Aufgabe des Volkes, das heilig genannt wird. Wie einst Israel aus der Knechtschaft des Leidens in Ägypten zur Freiheit geführt und zum Gottesvolk berufen wurde, so werden die Christen nach Ersten Petrusbrief aus der Fremdlingschaft der Diaspora von Christus in das Reich der Freiheit geführt, als königliche Priesterschaft zum Volk Gottes erwählt. Dem Zuspruch folgt der Anspruch - bis heute, in der Erwählung zum Priester, für jeden. „Alle für einen" - alle Gläubigen, die ganze Kirche ist berufen, für den lebendigen Gott einzutreten, den Einen und Einzigen; das ist der wichtigste Dienst an den Menschen.

Die Autorin ist Assistentin am Lehrstuhl Neues Testament der Katholisch-Theologischen Fakultät Bochum. Kürzlich erschien ihre Doktorarbeit „Der Mensch in Gottes Herrlichkeit".

Quelle: RuhrWort, Wochenzeitung im Bistum Essen