Einer für alle: Der Priester Jesus

von Thomas Söding

Quelle: RuhrWort, Wochenzeitung im Bistum Essen

„Wir haben einen Hohenpriester" - Lebensfreude und Selbstbewusstsein, Erleichterung und Hoffnung sprechen aus diesem Satz, den der Hebräerbrief im Neuen Testament mehrfach wiederholt, um das Bekenntnis der ersten Christen auszudrücken, ihr Bild Jesu Christi, ihre Vision von Gott, ihre Erfahrung des Glaubens (Hebr 4,14.15; 8,1; 10,21).

Die Faszination, die das Wort damals ausgelöst haben soll, stellt sich heute allerdings nicht so schnell ein. War Jesus denn ein Priester? Gar der Hohepriester? Hat Jesus nicht das Priestertum des Alten Testaments abgeschafft, alles Rituelle, den ganzen Opferkult?

Wer googlet, stößt bei den Stichwörtern „Jesus" und „Priester" auf ungeheure Mengen von klerikalem Kitsch, auf militante Ausbrüche traditionalistischer Frömmigkeit und schreiende Zeugnisse verklemmter Religiosität - bis dann unter den Bildern eines auftaucht, das zu den bekanntesten Jesusdarstellungen überhaupt gehört und bei der Olympiade 2016 die Ikone der Medien sein wird: der segnende Christus, der hoch auf einem Felsen seine Arme über die Copacabana und die Slums von Rio de Janeiro ausbreitet - er verbindet Himmel und Erde; er spendet Segen; er weist den Weg zu Gott.

Das aber ist genau der Priester Jesus, von dem er Hebräerbrief spricht: der Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Heiland, der den Frieden Gottes auf die Erde bringt, der Anführer auf dem Weg des Glaubens. Jesus ist Priester, weil er Gott zu den Menschen und die Menschen zu Gott bringt und dabei Not und Schuld überwindet und am Ende gar den Tod besiegt.

Für die Menschen in neutestamentlicher Zeit war die Vorstellung, Jesus als Priester zu sehen, nicht weniger anstößig als heute. Nichts scheint zusammenzupassen. Ein Priester muss sich in höheren Sphären aufhalten - Jesus ist am Kreuz gestorben. Ein Priester muss aus einem alten Adelsgeschlecht stammen - Jesus ist der Sohn der Maria, der Zimmermann aus Nazareth. Ein Priester muss unantastbar sein - Jesus hat Kontakt mit Kranken und Sündern, mit Heiden, sogar mit Toten gehabt. Ein Priester opfert das Blut unschuldiger Tiere - Jesus hat sein eigenes Blut vergossen.
Aber von einem war das Neue, war auch das Alte Testament überzeugt: Eines Priesters bedarf es, wenn Schuld vergeben werden und Versöhnung mit Gott gelingen soll. Es bedarf eines Priesters, weil kein Mensch Gott Vorschriften machen kann, dass und wie er den Menschen ihre Schuld vergibt. Gott aber, so die Einsicht Israels, geht den Weg der Menschlichkeit, um Versöhnung zu stiften: Er bestimmt einen Menschen, das heilige Werk zu leisten - an dem Ort, den Gott bestimmt: dem Tempel; zu der Zeit, die Gott bestimmt hat: besonders am Großen Versöhnungstag (Lev 16); und auf die Weise, die Gott bestimmt hat: durch dass Schächten eines Tieres, dessen Blut, Symbol des getöteten Lebens, ins Allerheiligste gebracht wird.
Der Hebräerbrief weiß genau um die Bedeutung dieses Priestertums - und um seine Grenzen. Der alttestamentliche Opferkult muss immer wieder neu vollzogen werden - Jesus aber hat ein für allemal die Sünde besiegt; der alttestamentliche Priester muss erst für seine eigene Sünden Sühne leisten - Jesus ist ohne Sünde; der levitische Priester opfert fremdes Blut - Jesus gibt sein eigenes Leben hin.
Das ist eine Revolution im Priesterbild. Jesus ist ein Mensch - so wie jeder Priester ein Mensch ist. Jesus ist von Gott als Priester eingesetzt - so kann er Gottes Heil wirken. Aber er ist der Priester als Sohn Gottes von Ewigkeit her und für alle Ewigkeit. Im Alten Testament ist deshalb nicht der präsidierende Priester am Tempel das Vorbild, sondern „Melchisedek", der Abraham nicht mit einem toten Tier und mit Blut, sondern mit Brot und Wein als Opfergaben gegenübergetreten ist (Gen 14; Ps 110).

Der Hebräerbrief gestaltet dieses Bild aus: „Wir haben einen erhabenen Hohenpriester, der die Himmel durchschritten hat" (Hebr 4,14). „Wir haben einen Hohenpriester, der mit uns mitfühlen kann mit unserer Schwäche, weil er wie wir in Versuchung geführt worden ist" (Hebr 4,15). „Wir haben einen Hohenpriester, der sich zur rechten des Thrones der Majestät im Himmel gesetzt hat" (Hebr 8,1). „Wir haben einen Hohenpriester, der über das Haus Gottes gestellt ist" (Hebr 10,21).

Hoheit und Niedrigkeit, Göttlichkeit und Menschlichkeit verbinden sich im Bild des Hohenpriesters Jesus. „Einer für alle" - in diesem Priester schafft Gott selbst die Versöhnung, für alle Menschen. Wer in der Kirche Jesu Christi Priester ist, muss in der Nachfolge Jesu stehen und sich von ihm prägen lassen.

Der Autor ist Professor für Neues Testament an der Katholisch-Theologischen Fakultät Bochum. 2010 erscheint von ihm „Die Verkündigung Jesu - Ereignis und Erinnerung".

Quelle: RuhrWort, Wochenzeitung im Bistum Essen