Pater Eduard Prawdzik

„Alles ist letztlich Gnade“

Pater Eduard Prawdzik

Pater Eduard Prawdzik

Pater Eduard Prawdzik arbeitete 30 Jahre lang auf den Philippinen, bevor er Ende der 90er Jahre als Missionar nach Russland ging. 2008 feierte er in Sankt Augustin sein 50. Ordensjubiläum.

Ostpreußen, 1943. Ein sonniger Sommertag. Eduard Pwadzik ist acht Jahre alt. Seine Eltern besitzen 50 Hektar Land. Er hütet die Kühe. Während die Rinder grasen, lässt Eduard den Blick über die Wiese schweifen. „Die Erde ist ein große Kugel“, hat der Lehrer vor wenigen Tagen im Unterricht erklärt. „Wenn ihr immer weiter nach Osten geht, kommt ihr irgendwann nach Amerika. Und wenn ihr immer weiter nach Westen geht, kommt ihr irgendwann auch nach Amerika.“ Ein Satz, der Eduard verblüfft hat. „Wenn das tatsächlich stimmt“, denkt er, „dann ist die Erde ja gar nicht so groß, so gewaltig.“ Und ihm wird klar: „Wenn unser Planet so klein ist, werde ich mich einmal nicht mit ihm zufrieden geben, sondern mich nach etwas Höherem ausstrecken.“

Auf der Flucht, 1945. Eduard, seine Mutter und seine vier Geschwister werden aus Masuren vertrieben. Es geht durch tiefen Schnee und brennende Dörfer. Überall ist Zerstörung und Leid. „Warum sind die Menschen so schlecht zueinander?“, fragt Eduard seine Mutter. „An diesem Unheil ist die Sünde schuld“, bekommt er zur Antwort.

Dänemark, 1946. Eduard und seine Familie leben im Internierungslager, von Stacheldraht umzäunt. In ihrer Baracke bricht Typhus aus, sie wird unter Quarantäne gestellt. Eduard verbringt viel Zeit mit Lesen. Der Pfarrer des Lagers lässt ihm Jugendbücher über die Mission zukommen. Seite um Seite wird Eduard klar: „Ich werde einmal einen Beruf ergreifen, der den Menschen hilft, von der Sünde wegzukommen. Auf dass sie nicht Schlechtes tun, sondern Gutes wollen.“ Mit elf Jahren steht für Eduard fest: Er will Priester und Missionar werden.

1949, Blönried. Eduard und sein Bruder Werner gehen zunächst ins Gymnasium im Missionshaus St. Johann. Im Noviziat bereitet sich Eduard „mit Freude und tiefer Frömmigkeit“ auf die Ewigen Gelübde vor, die er am 8. September 1958 ablegt. Nach dem Studium meldet er sich für die Mission im Kongo. Doch ein deutscher Bischof auf den Philippinen, den er als Unterpräfekt in St. Johann kennen gelernt hat, erinnert sich an ihn, setzt sich in Rom für ihn ein. So erhält Pater Eduard Prawdzik seine Bestimmung für die Philippinen.

1965, Port Said. Pater Prawdzik beendet seinen Mittagsschlaf und geht an Deck. Einen Monat dauert die Schiffsreise nach Südostasien. „Im Golf von Biscaya war es rauf und runter gegangen, da wollte niemand mehr essen“, erinnert er sich. „Im Mittelmeer wurde es ruhiger.“ In Port Said fühlt er den warmen Wind, hört das Geschrei der Möwen und den Lärm der Stadt, sieht einen Muslim, der mitten im Hafen auf einer Matte kniet und betet. „Das alles hat mich so beeindruckt, dass ich anfing zu zittern“, sagt er rückblickend. „Das war eine ganz neue Welt.“

1965, Manila. „Monsignore, wie kann man hier nur leben?“, fragt Pater Prawdzik den Bischof ernüchtert nach seiner ersten Nacht auf den Philippinen. Vor allem die Hitze der Tropen macht ihm zu schaffen. „Das war wirklich kein Zuckerschlecken“, erinnert er sich. „In der ersten Zeit hatte ich den Eindruck, meine Knochen sind aus Gummi. Ich hatte überhaupt keinen Pepp.“ Durch die ersten Wochen und Monate helfen ihm der Enthusiasmus und die Disziplin der älteren Missionare – aber auch die Lebendigkeit, mit der die Philippinos ihren Glauben leben. Allzu gern lässt er sich von ihren kraftvollen und ansteckenden Gesängen der Erneuerung mitreißen. Der Steyler Missionar sucht den Dialog mit den Menschen vor Ort, motiviert sie zur Zusammenarbeit – über die Jahre bringt ihm das den Spitznamen „Vater der Kooperativen“ ein. In seiner Arbeit folgt er stets dem alten Sprichwort: „Gib einem Hungernden einen Fisch und er wird einmal satt. Lehre ihn Fischen, dann wir er nie wieder hungern.“

1992, Urlaub in Deutschland. Während eines Besuches im früheren Deutschen Osten fährt Pater Eduard Prawdzik für einen Tag mit seiner Familie von Danzig nach Kaliningrad. Die Armut und Verkommenheit entsetzen ihn. Längst hat er gehört, dass man in Königsberg händeringend russlanddeutsche Priester sucht. Pater Prawdzik betet: „Herr, was ist Dein Wille?“ Zeit für einen Neuanfang?

1997, Kaliningrad. Mit 62 Jahren ist Pater Prawdzik zurück in der „alten Heimat“. Die Situation ist schwierig. Die Psyche der Menschen, stellt er fest, ist durch den Kommunismus schwer verwundet. Als er beginnt, die Heilige Messe auf Russisch zu feiern, weil 85 Prozent der Gottesdienstbesucher kein Deutsch verstehen, hat er bei den Russlanddeutschen verloren. „Wir haben Sie nicht kommen lassen, damit Sie jenen helfen, vor denen wir uns immer haben bücken müssen“, bekommt Pater Prawdzik zu hören. Die „Clique“ lehnt ihn und auch sein Engagement auf dem Gebiet der Sozialarbeit ab.

1998, Gwardejsk. Neuanfang in der Pfarrei des heiligen Josef. Hier fördern Pater Prawdzik und die übrigen Steyler Missionare, „Verbisti“ genannt, ein Schulspeiseprogramm, unterstützen Sozialwaisen, setzten sich seit 1999 für ein Kinderheim in Marmonowo ein. „Sind das nicht nette Kinder?“ fragt er, während er durch ein Fotoalbum blättert. Ihre strahlenden Augen lassen ihn alle Querelen, mit denen er in der kleinen Exklave Russlands tagtäglich zu kämpfen hat, vergessen. „Deduschka“ nennen sie ihn. „Großvater“.

2004, Sankt Augustin. Pater Prawdziks Bruder stirbt unverhofft. Annähernd vier Jahrzehnte war er Professor an der philosophisch-theologischen Hochschule gewesen, außerdem verantwortlicher Ordensoberer. Der plötzliche Herztod von Pater Werner Prawdzik SVD trifft seine Familie und den gesamten Missionsorden schwer.

2008, Sankt Augustin. Ein Gottesdienst anlässlich des 50. Ordensjubiläums von Pater Prawdzik. In der Predigt hält er Rückschau. „In erster Linie bin ich dankbar“, sagt er. „Denn das Leben und die Berufung sind nicht Zufall, Schicksal oder Glück. Alles wird durch die göttliche Vorhersehung geleitet. Alles ist letztlich Gnade.“ Als am Abend alle Gläser geleert und Hände geschüttelt sind, kehrt Pater Prawdzik allein in die Kapelle zurück, zum stillen Gebet. „So mache ich das immer, wenn etwas besonders gelungen ist, aber auch, wenn’s schwierig wird“, sagt er. „Nichts gibt mir mehr Kraft als die Gegenwart des Herrn zu erleben.“

Quelle: Steyler Missionare
Markus Frädrich