Wolfgang Bender

Polizei-, Feuerwehr- und Notfallseelsorger

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Wolfgang Bender, Polizei-, Feuerwehr-
und Notfallseelsorger

„Erste Hilfe für die Seele“

04.03 Uhr. Der Melder schrillt bei der Freiwilligen Feuerwehr Schloß Holte-Stukenbrock in Westfalen - „Brandeinsatz mittel. X-Straße 19". Auch Pfarrer Wolfgang Bender eilt zur Wache. Er ist seit neun Jahren Mitglied des Löschzugs sowie Polizei-, Feuerwehr- und Notfallseelsorger.

Am Einsatzort angekommen, könnte er mit seiner feuerwehrtechnischen Ausbildung Dienste übernehmen wie jeder Feuerwehrmann, zum Beispiel mit dem Pressluftatemgerät in die verqualmte Wohnung vordringen und den Brand bekämpfen. Für diese Aufgaben gibt es aber genügend andere Feuerwehrkräfte, so dass Bender sich nach Rücksprache mit der Einsatzleitung um die Bewohner des Hauses kümmert, die gerade noch einmal mit dem Schrecken davon gekommen sind und nun vor Ort medizinisch betreut werden. Der vierjährige Junge der Familie wird allerdings mit schwerer Atemvergiftung ins Fachkrankenhaus eingeliefert. Die Eltern und Geschwister sind verzweifelt. Bender nimmt sich ihrer an und betreut sie, indem er sich das Erlebte erzählen lässt. Aber auch Schweigen und Weinen müssen ausgehalten werden. Zu groß ist das Entsetzen über die Verletzung des Kindes und den Verlust der Wohnung.

Was ist mit dem Jungen? Nach der medizinischen Versorgung beschließen Familie und Notfallseelsorger, gemeinsam zum Kind zu fahren. Vom Ort des Brandes geht es ins Krankenhaus, wo Bender mit der Familie noch zweieinhalb bange Stunden wartet, bis die erlösende Botschaft kommt: Der Junge hat überlebt - es geht ihm besser. Später besuchen sie das Kind auf der Intensivstation und beten gemeinsam für seine Genesung. Bender kann sich verabschieden und ist froh über den Ausgang seines Einsatzes als Seelsorger für Feuerwehr, Rettungsdienst und Notfallseelsorge. Leider enden die Einsätze nicht immer so. Oft sterben Menschen, so dass der Seelsorger zusammen mit der Polizei die Nachricht über den Tod eines Angehörigen überbringen muss.

Pastöre, Pfarrer, Diakone, Gemeindereferentinnen und -referenten, Ordensleute, pastorale Mitarbeiter der Kirchen - viele von ihnen sind neben ihren vielfältigen Aufgaben in den Gemeinden mit den Feuerwehren und Rettungsdiensten in Nordrhein-Westfalen und in ganz Deutschland im Einsatz. Auf ihren Einsatzjacken prangt der Schriftzug: „Notfallseelsorger" oder einfach „Seelsorger".

Monsignore Wolfgang Bender ist einer von ihnen. Vor zehn Jahren, Bender war Pfarrer einer Diasporagemeinde mit acht Dörfern, verstreut im Norden der Erzdiözese Paderborn, sprach ihn der damalige Personalchef im Auftrag des Erzbischofs an, ob er nicht Polizeiseelsorger werden wolle. Nach einer Bedenkzeit begann er seine neue Aufgabe als Leiter der Polizeiseelsorge in der Diözese. Seine Hauptaufgaben sind die seelsorgliche Betreuung von Polizeibeamtinnen und -beamten und deren Familien sowie der berufsethische Unterricht bei der Aus- und Fortbildung der Polizisten in NRW. Später kam die Leitung der Notfallseelsorge und der Seelsorge an Feuerwehr und Rettungsdienst hinzu. Bender leitet heute 15 Polizeiseelsorger, 20 Feuerwehrseelsorger und ca. 50 Notfallseelsorger in halb Westfalen und koordiniert deren Arbeit mit ehrenamtlichen Mitarbeitern in der Notfallseelsorge. Zudem unterrichtet er Rettungsdienstmitarbeiter und Feuerwehrbedienstete in psychosozialer Unterstützung und Notfallversorgung.

Bender ist wichtig, dass Notfallseelsorge Teil der Gemeindepastoral und Seelsorge an Menschen ist, die in Not geraten sind. Er unterstreicht: „Die Geschichte vom barmherzigen Samariter (Lk 10, 25 - 37) ist Ausdruck der Sorge Jesu für die unter die Räder gekommenen, bei Bränden, schweren Verkehrsunfällen, Suiziden, plötzlichem Kindstod, Kriminaldelikten u.ä. Das sind nicht nur Großschadenslagen wie der Amoklauf in Winnenden oder sonst wo. Auch die plötzliche persönliche Katastrophe kann Menschen traumatisieren." Notfallseelsorge ist dann vor allem Betroffenenseelsorge für Menschen, die plötzlich mit schwerem Leid konfrontiert werden. Dazu Wolfgang Bender: „Notfallseelsorge ist Erste Hilfe für die Seele. Die Menschen, denen wir in Krisensituationen begegnen, sind heilfroh über jedes gute Wort, jedes stille Mit-Aushalten, psychosoziale Begleitung und das gemeinsame Gebet im Leid."

Davon zu unterscheiden ist die Polizei- und Feuerwehrseelsorge als Kategorialseelsorge, die so genannte „Helfer- oder Berufsgruppen-Seelsorge". Bender unterstützt Polizeibedienstete, Feuerwehrfrauen und -männer oder Rettungsdienstmitarbeiter in ihrem Dienst für die Gesellschaft - auch das ist Dienst der Kirche. Zum Beispiel, wenn es zu Schuldvorwürfen kommt, nachdem die Schusswaffe eingesetzt werden musste oder anderen traumatisierenden Erlebnissen. Dann erfahren berufs- und freiwillige Helfer Beistand, Orientierung und Hilfe im vertraulichen Gespräch.

Wolfgang Bender hat in den 90er Jahren einige Jahre als Fidei-Donum-Priester in Nicaragua gearbeitet, als Seelsorger der einfachen Landbevölkerung. „Den Menschen nach dem Bürgerkrieg beizustehen und ihnen Hoffnung und Mut aus dem Glauben zu geben, darin sah ich meine Aufgabe. Oftmals war es aber umgekehrt: Die Menschen dort gaben mir mit ihrer freundlichen und offenen Art ein Zeichen der Hoffnung aus gelebtem Glauben. Die Zeit damals war für mich wichtig. So glaube ich, dass meine Berufung damals in der Mission und mein Dienst heute für Menschen in Notlagen eng miteinander zu tun hat. Beides ist Seelsorge pur: Gott lässt Menschen in Not nicht allein - manchmal schickt er uns, um seine Liebe und Menschenfreundlichkeit auch in der Krise zu bezeugen".

Ganz sicher sieht er seinen priesterlichen Werdegang als einen von Gott geführten Weg in der Begleitung der ihm anvertrauten Menschen der Polizei-, Feuerwehr- und Notfallseelsorge, abseits der klassischen Gemeindepastoral. Das Gebet nicht nur in der Krise, sondern auch im Gottesdienst in den Kirchengemeinden des Bistums, aber auch mit Polizeibeamten, Rettungsdienstmitarbeitern, Feuerwehrleuten und Seelsorgern ist dabei für Bender selber Quelle und Hilfe, seinen Dienst gemäß dem Leitwort der Polizeiseelsorge in Deutschland ausüben zu können: „Gott der Herr ist Sonne und Schild" (Ps 84).

Kirche ist dabei. Wenn es diese Art von „Blaulichtseelsorge" noch nicht gäbe - sie müsste erfunden werden.

Biographisches

geboren 1959 in Siegen
1986
Priesterweihe in Paderborn
1986 – 1990 Vikarszeit in Soest
1990 – 1995 Fidei-Donum-Priester in den Diözesen Juigalpa und Managua, Nicaragua
1995 – 2000 Pfarrer im Kreis Herford
seit 2000 Diözesanbeauftragter für Polizei-, Feuerwehr-, Rettungsdienst- und Notfallseelsorge im Erzbistum Paderborn