Vom Wurzelgrund der Seelsorge – oder:
Wofür ein Priester steht

Predigt des Erzbischofs von Freiburg und Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Dr. Robert Zollitsch, zur Weihe der Kandidaten für den Diakonat und das Priesteramt des Collegium Germanicum et Hungaricum in Santo Ignatio in Rom am 10. Oktober 2009


Liebe Weihekandidaten,
werte Eltern, Verwandte und Freunde unserer Weihekandidaten,
verehrte Mitbrüder im Amt des Priesters und des Diakons,
liebe Schwestern, liebe Brüder!

Ein Benediktinereremit mit einem feinen Gespür für die Dimension des Spirituellen bringt es auf den Punkt: „Wenn Du etwas zu sagen hast, sage was Du denkst, aber lass Dich anregen vom Ort, der Dein Denken geprägt hat, und vom Ort, wo Du sprechen wirst."

Gerne mache ich mir diese Anregung zu Eigen: Ich stehe vor Ihnen als Erzbischof von Freiburg und darf heute diese jungen Mitbrüder hier in Rom zu Priestern weihen.

Wer von uns dächte bei Freiburg nicht zuerst an das Münster? Und hier in Rom haben wir uns in dieser traditionsreichen Kirche Santo Ignatio versammelt. Lassen Sie mich daher so etwas wie eine geistliche Topographie entfalten:

Wir beginnen mit dem Münster; dann wird es ein Freiburger sein, der uns, von dort ausgehend, hierher nach Santo Ignatio geleitet - und immer wird die Rede davon sein, wofür ein Priester steht.

Wenn man das Freiburger Münster durch die Portalhalle betritt, wird man wie in vielen gotischen Kathedralen von einem Kosmos voller Symbole empfangen. Jeder Stein ist gleichsam begierig, von Gott und seiner Wirklichkeit zu erzählen. Vor allem aber sind es die Fenster, die den Raum öffnen und weit machen. Und genau da fällt - ganz buchstäblich - ins Auge, wovon ich heute ausgehen möchte:

Die Fenster an den Seiten sind asymmetrisch gestaltet - mit guten Gründen. Auf der einen Seite sind sie dreigliedrig, auf der anderen haben sie vier Glieder. Vier, das ist Zahl der Erde, die vier Himmelsrichtungen, die vier Jahreszeiten, die vier Elemente; vier, das ist auch die Zahl der Erdenschwere. Die drei, sie erzählt von Gott und seiner Wirklichkeit; er ist der Dreifaltige. Und mittendrin, zwischen Himmel und Erde, da ist der Raum der Kirche. Dieser Raum, er ist einzig dazu da, darauf hinzuweisen, dass Himmel und Erde zusammengehören. Vor allen Dingen geht es darum, dass wir Menschen erahnen, erkennen und erspüren, dass dieser Raum zwischen Himmel und Erde, zwischen Zeit und Ewigkeit jene Wirklichkeit ist, die unser Menschsein erst zur Entfaltung bringt.

Und genau darin wurzelt auch der priesterliche Dienst: Wenn Gott Mensch geworden ist, wenn Jesus Christus ein für allemal eingegangen ist in unsere Wirklichkeit und sakramental erfahrbar ist; wenn all das stimmt, dann ist ein Priester derjenige, der für den Reichtum, die Vielgestaltigkeit des menschlichen Lebens steht.

indimensional zu leben genügt nicht. Mitten im Vergänglichen der Existenz darf, muss und soll etwas aufbrechen wie das Geheimnis der Sehnsucht nach Fülle, Ganzheit und Heimat. Ein Literat hat diese Erfahrung wunderbar paradox ins Wort gebracht: „Es muss mehr als alles geben!".

„Es muss mehr als alles geben!" - ist das nicht eine Erfahrung, die heute aktueller ist denn je? Wir haben sie doch erlebt in den letzten Monaten und Jahren, jene von der Gier korrumpierten Mitmenschen, die mit ihren Boni buchstäblich „alles" haben wollten. Wie ethisch verkommen ist, wer meint, alles haben zu müssen? Nein: „Es muss mehr als alles geben!". Dafür zu stehen, darauf hinzuweisen, das ist nicht zuletzt priesterlicher Dienst.

Liebe Weihekandidaten, liebe Schwestern, liebe Brüder!
Was wir von der Symbolwelt des Freiburger Münsters her entfaltet haben, wollen wir nun konkreter werden lassen, vertiefen und entfalten und zwar von dem her, was hier in Rom, in Santo Ignatio, aufscheint und uns anzurühren vermag.

usgangspunkt ist, wie könnte es anders sein, der heilige Ignatius.
Ich sagte, es sei ein Freiburger, der uns diese Verbindung herstellen würde. Nun, es ist niemand anders als Hugo Rahner, der ältere Bruder von Karl Rahner, Patrologe, vor allem aber ein Kenner des hl. Ignatius, wie es nur wenige andere gibt. Ich muss ein klein wenig ausholen: Seinem beeindruckenden Roman „Hyperion" hat Friedrich Hölderlin eine geheimnisvolle „Grabschrift des Loyola" vorangestellt, eine beeindruckende Sentenz, die sich aber nirgendwo finden ließ, weder beim Grab des Ignatius, noch sonst wo in der Literatur. Die Germanisten fanden und fanden keine Quelle! Es war Hugo Rahner, der das Rätsel löste. Im Jahr 1640 gaben die Jesuiten der flandrisch-belgischen Provinz ein prachtvolles Werk heraus, das die ersten hundert Jahre der Gesellschaft Jesu darstellen und konturieren sollte. Darin nun, so erzählt Hugo Rahner, seien poetische Versuche junger Jesuiten enthalten, vor allem eine Reihe von literarischen Grabschriften auf die zehn ersten Gründer des Ordens. Die erste ist natürlich Ignatius gewidmet, und dort findet sich die von den Hölderlin-Forschern so lange in ihren Ursprüngen nicht bekannte „Grabschrift des Loyola". Sie lautet:

„Non coerceri maximo,
contineri tamen a minimo
divinum est."

"Nicht eingegrenzt vom Größten
und dennoch einbeschlossen vom Kleinsten,
das ist göttlich."

Verehrte Weihekandidaten, liebe Schwestern, liebe Brüder!
Was uns hier als literarischer Grabspruch des Ignatius von Loyola begegnet, ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Ich meine sogar sagen zu können: wofür christliche Spiritualität steht, das kommt hier geradezu beispielhaft zum Ausdruck - und ist höchst aktuell. Wir können hier den Wurzelgrund dessen aufzeigen, was Seelsorge ermöglicht und konstituiert:

Natürlich, immer wieder müssen wir ganz unmittelbar helfen und trösten, bei den Menschen sein und sie nicht alleine lassen. Völlig klar. Aber grundlegend ist doch eigentlich, dass es einem Menschen möglich wird, sich selbst und seine eigene Wirklichkeit gleichsam mit den Augen Gottes wahrzunehmen, etwas zu erahnen von seiner gottgeschenkten Würde und Bestimmung. Der Mensch lebt, das haben wir uns durch die Symbolwelt des Freiburger Münsters vor Augen geführt, ausgespannt zwischen Himmel und Erde. Keiner, niemand, keine Macht dieser Welt hat das Recht, ihn kleinzureden, zu reduzieren auf irgendwelche Funktionen und Zwecke. Du, Mensch, Du bist von Gott gewollt, Dein Leben ist sinnvoll! Das muss immer wieder aufleuchten und erfahrbar werden. Und genau hier hilft uns jene literarisch formulierte potentielle Grabschrift weiter, die das Lebens- und Glaubenszeugnis des Ignatius auf den Punkt bringt:

„Non coerceri maximo ..." - „nicht eingegrenzt vom Größten ..."
Was wir, ich habe es schon angedeutet, in den letzten Monaten erlebt haben, ist, wie sehr sich Ziele, von denen Menschen sich haben leiten lassen, ja, auf die sie ihre ganze Gier ausgerichtet haben, als hohl und leer erwiesen haben. Können wir jemanden, der für ein halbes Jahr Arbeit 15 Millionen erhält, ernsthaft als glücklichen Menschen bezeichnen? Taktisch war er hoch geschickt, alles legitim und juristisch abgedeckt. Kann so jemand einer Verkäuferin derselben Firma, die entlassen werden muss, noch in die Augen schauen? Kann so ein Verhalten attraktiv sein, anregend für einen jungen Menschen? In den paar Jahren und Jahrzehnten, die ich lebe, alles so geschickt wie möglich zusammenraffen und kultiviert genießen? Fürchterlich hohl ist jene Größe, die auf dem basiert, was ich zusammenraffen und „haben" kann.

Seelsorge, liebe Schwestern und Brüder, Seelsorge beginnt mit Menschen, an denen anschaulich wird, wofür zu leben sich lohnt, mit Menschen, deren Sehnsucht nicht von dem eingegrenzt wird, was ich haben und worüber ich verfügen kann. Die Lebensform des Priesters, liebe Schwestern und Brüder, wurzelt in dieser Haltung. Ehelosigkeit baut darauf, dass es eine letzte Erfüllung nur von Gott her geben wird - und dass ich genau das jetzt, hier und jetzt, schon bezeugen will. Darum bin ich auch verfügbar und lasse mich senden, bin für Gott und seine je neuen Rufe frei und binde mich nicht an dies und jenes. Hier leuchtet der Gehorsam auf. Nur konsequent ist dann apostolische Armut. Seelsorge beginnt damit, liebe Schwestern, liebe Brüder, dass glaubwürdige Menschen den Raum der gottgeschenkten Freiheit bezeugen und so erfahrbar machen, wofür zu leben sich wirklich lohnt.

Ein nächster Schritt:
„contineri tamen a minimo, divinum est" - „und dennoch einbeschlossen im Kleinsten, das ist göttlich"

Ich möchte hier gerne zunächst Hugo Rahner das Wort geben: „Ignatius ist groß, weil er wieder in das Kleine der Welt zurückgekehrt ist. Umgekehrt: die Kleinheit der Welt wird groß, weil man in ihr Gott schauen kann, wenn man mit Gottes Augen zu schauen versteht. ... Die Dürftigkeit des Irdischen wird zum Transparent himmlischen Reichtums".

Hier, liebe Schwestern und Brüder, können wir eine ganze Christologie finden und verbunden damit auch den Kern priesterlichen Wirkens: Liebevoll schaut Gott auf diese Welt, mit einer Liebe, die zu allem bereit ist. Gott selbst ist Mensch geworden - und deswegen kann nichts mehr auf dieser Welt gänzlich „Gott-los" bleiben. Deshalb ist das Größte im Kleinsten zu finden, deshalb ist jede wirkliche Spiritualität christozentrisch und eucharistisch. Ja, nichts und niemand außer Gott erfüllt meine Sehnsucht, aber genau dieser Gott lässt sich finden im Hier und Jetzt, mitten in der Welt, im Dienst; er ist „einbeschlossen im Kleinsten". Der Priester als Mann Gottes und Mann der Kirche, als Künder des Evangeliums und als Leiter der Gemeinde, er steht genau für diese Dimension des Konkreten mitten in dieser Welt: Visionen erweisen ihre Glaubwürdigkeit darin, dass sie den Alltag prägen, dass sie am frühen Morgen und am späten Abend gelebt werden können, darin dass sie am Sterbebett, im Kinderheim und in den Chefetagen der Wirtschaft Bestand haben.

Liebe Weihekandidaten, meine lieben jungen Mitbrüder,
lassen Sie mich nun in ganz besonderer Weise an Sie das Wort richten: Die Kirche ist immer dann glaubwürdig, überzeugend und missionarisch erlebt worden, wenn sie sich als seelsorgende Kirche gezeigt hat. Ich meine, hierin finden wir auch und gerade das Anliegen wieder, wofür das Jahr der Priester steht. Der Priester ist der Mensch, der mit dem Dienst, den er tut, mit dem Amt, das ihm anvertraut ist, deutlich macht, wie sehr wir uns darauf verlassen dürfen, dass die Wirklichkeit Gottes ein für allemal sichtbar, greifbar und erfahrbar geworden ist mitten drin in dieser Welt. Ein Priester steht genau dafür mit seiner ganzen Existenz ein. Das prägt ihn durch und durch. Mitten unter den Menschen soll er leben und wirken, damit ihnen in einer Fülle von Begegnungen deutlich werden kann: Das, was uns beseelt und erfüllt, das, was uns nährt und motiviert, das machen wir nicht selbst, das ist Geschenk und reine Gnade, ganz anders als alles auf dieser Welt, aber gerade so erfahrbar und faszinierend.

Spiegelt sich hier nicht auch die Gestalt des Pfarrers von Ars wider, der in ganz besonderer Weise mit dem Jahr der Priester verbunden ist und den uns der Heilige Vater neu vor Augen geführt hat? In seiner Treue, Sorge und Zugewandtheit war er ganz bei den Menschen - und das konnte er sein, weil er in seiner Person zutiefst die Sehnsucht nach dem „ganz Anderen" verkörpert hat.

Liebe Mitbrüder,
was ich zu entfalten versuchte, ist zunächst eine spirituelle Vergewisserung. Aber weil wir damit gerade den Wurzelgrund dessen berühren, was glaubwürdige Seelsorge in ihrem Zeugnis begründet, muss uns all das auch ganz praktisch herausfordern - nicht zuletzt uns Bischöfe.

Wir erleben gegenwärtig unwahrscheinlich viele Umbrüche und die großen Herausforderungen, die die Errichtung von Pfarreiengemeinschaften und Seelsorgeeinheiten für die Priester bedeuten. Sie stehen uns allen vor Augen. Gute und zugewandte Organisatoren oder gar Manager müssen die Priester oft sein; viel Mitarbeiterführung wird verlangt; die kluge Ausgestaltung der Verwaltung ist eine wichtige Aufgabe. Wir könnten diese Liste ohne Probleme noch ergänzen. Und all das wird auch auf die weitere Zukunft hin eine anspruchsvolle Herausforderung bleiben. Daran gibt es nichts herumzudeuten.

Aber wir müssen mitten in diesen Prozessen, und da nehme ich auch und sogar ganz besonders uns Bischöfe in die Pflicht, für den Primat der Seelsorge kämpfen. Ja, ich verwende diese Begriffe ganz bewusst: „kämpfen" und „Primat der Seelsorge". Ein Priester ist in erster Linie ein Geschenk Gottes an die Menschen; für sie muss er verfügbar sein - und zwar als einer, der weiß wofür er steht: für die Wirklichkeit Gottes, die erfahrbar ist mitten in dieser Welt. Ich frage mich, ob einer der Gründe für den Priestermangel nicht daran liegt, dass wir diesen Primat der Seelsorge und des Spirituellen bisweilen zu wenig hineinbuchstabiert haben in die strukturprägenden Entscheidungen, die zu fällen waren. Hans Urs von Balthasar, ganz und gar geprägt von Ignatius, hat es vor Jahren programmatisch formuliert: „Glaubwürdig ist nur Liebe". Vielleicht haben wir heute zu ergänzen: „Glaubwürdig ist vor allem Seelsorge aus Liebe - so konkret, und von gottdurchdrungenen Menschen und Priestern geprägt, wie nur irgend möglich."

Liebe junge Mitbrüder,
ich denke, wir spüren es: Als Diakone und Priester können wir dann glaubwürdig, überzeugend und auch beglückt leben, wenn wir uns von Christus beschenkt und in Dienst genommen wissen und ja dazu sagen, ausgespannt zu sein zwischen Himmel und Erde; wenn für uns meditierend und betend immer wieder gewiss wird, dass der Gott, der nicht eingegrenzt wird vom Größten, einbeschlossen ist im Kleinsten. Darin weiß ich mich Ihnen verbunden, ganz und gar! Amen.