Christian Heim

Christian Heim und die Fazenda da Esperança

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Porträt von Christian Heim

Sehr einschneidend sind die Änderungen und Wegetappen, die in den letzten sieben Jahren seit dem Erscheinen jener „Priestergeschichten“ gereift sind.

Was mich seit der Erfahrung in Brasilien begleitet hat und mit der Zeit reifte, ist die Liebe zur Kirche und zu ihrem Schatz, den Armen. Darin verstärkte sich die Entdeckung der Gegenwart des Auferstandenen Herrn unter den Seinen (vgl. Mt. 18,20 – „Wo zwei oder drei…“) und der Reichtum des Evangeliums als Quelle, in der alles seinen Ausgang nimmt.

Das Evangelium mit den Menschen leben

In allen meinen bisherigen Lebensorten war es mein tiefer Wunsch, das Evangelium mit den Menschen zu leben – zunächst in Rietberg als Gemeindevikar bis 2002 und später in Unna-Massen als Diözesanbeauftragter für Aussiedler bis 2007. So wurde dieser Wunsch auch zum Ausgangspunkt für das „Projekt Beheimatung“, ein Netzwerk von Aussiedlern, die in ihren Kompetenzen gestärkt und selber für ihre Landsleute zum Geschenk werden sollten. Eine für mich starke Zeit, in der ich viele sehr bewegende, lebensgeschichtliche Aufbrüche erfahren durfte.

Viele Menschen fanden einen Weg in die Kirche. Ihre Seele fand, nach Notwohnung und Jobcenter, schließlich auch ein „Dach über dem Kopf“. Die Pfarrhaustür in Unna-Massen öffnete sich in diesen Jahren Unzähligen, mit denen ich immer wieder Zeiten der Weggemeinschaft leben konnte. So lernte ich einen ukrainischen Theologiestudenten kennen, einen ehemals drogenabhängigen Russlanddeutschen, Bewohner des Theologenkonviktes, orthodoxe Priestern – und immer wieder viele Begegnungen mit jungen Leuten auf ihrem Berufungsweg zum gelebten Christ-Sein. Jahre praktizierter Gastfreundschaft, Tischgemeinschaft und geteiltes Leben. Reiche und gewissermaßen „fette“ Jahre.


Foto mit einer internationalen Gruppe am Ende einer Gründung einer neuen Fazenda in Süddeutschland mit den Schwestern der Heiligen Crescentia.

Was genau ist meine Berufung in der Berufung?

Und doch ging da immer eine Frage, eine Unruhe mit, ob ich schon meinen Ort gefunden hatte. Die priesterliche Berufung stand nicht in Frage, vielmehr, so verstehe ich es heute, ging es um ein tieferes Erkennen einer Berufung in meiner Berufung. Es zog mich zurück an meine Ursprungserfahrung und ließ mich fragen, ob es nicht um ein Leben mit den Armen, anstatt für die Armen gehe. Es drängte mich, nicht nur einen Teil meines „Vermögens“ zu geben, sondern alles. Und damit ein Zeichen zu setzen, konsequent zu sein – mir und Gott gegenüber. Dieser neue Weg führte mich auf die „Fazenda da Esperança“, einer Lebensgemeinschaft mit Drogenabhängigen und Süchtigen aller Art, die durch einen neuen Lebensstil auf der Basis des Evangeliums ein neues Leben beginnen. Intensive Gespräche mit Mitbrüdern meiner Fokolar-Gemeinschaft, mit jener Ordensfrau, die mich schon während der Seminarzeit begleitet hatte, mit meinem Erzbischof und Monate des intensiven und ehrlichen Hinhörens und Suchens begannen.

Im November 2007 wurde ich von meiner Diözese für eine Zeit des Mitlebens auf der Fazenda in Deutschland beurlaubt. Zum 25. März 2009 wechselte ich in die Diözese Caruaru im Nordosten Brasiliens. Mein dortiger Bischof, der die Fazenda-Gemeinschaften als „moderne Wallfahrtsorte“ bezeichnet und in ihnen Orte der Evangelisierung sieht, hat mich sofort und auf Dauer für die aus der Fazenda entstandene neue geistliche Gemeinschaft „Familie der Hoffnung“ freigestellt.


Gruppenfoto mit Erzbischof Jean-Claude Périsset (Mitte), Apostolischer Nuntius in Deutschland, beim Besuch der Fazenda-Gemeinschaft in Berlin.

Da-sein, für Gott und die Menschen


Heute lebe ich als Priester dieser Gemeinschaft 40 Kilometer vor Berlin, auf der vor zehn Jahren entstandenen ersten deutschen Fazenda-Gemeinschaft mit 25 jungen Männern und darf von hier aus die Entstehung und den Aufbau weiterer Höfe in Deutschland und Europa begleiten. Immer wieder kommen neben unseren „schweren Jungs“ auch „Suchende“ aus den unterschiedlichsten Zusammenhängen. Sie teilen unser Leben und finden so neu zu sich selbst, zu Gott und ihren Nächsten.

Für mich persönlich erlebe ich dort das Leben der ersten Christen, als Priester lebe ich stark im „da-sein“ – für Gott und die mir anvertrauten Menschen. Das Leben für die Kirche und in ihr für die Armen dieser Zeit ist nicht zu trennen. Die Fazenda ist aber viel mehr als ein Ort für Süchtige. Sie ist Kirche und ist in gewisser Weise, wie der Weihbischof meiner Heimatdiözese Paderborn immer sagt, „ein Leuchtturm“. Die Fazenda ist auch, dass bezeugen unsere zahlreichen Besucher immer wieder, ein Ort der Berührbarkeit des Evangeliums. Firmgruppen, Schulklassen, Gemeindegruppen kommen und sind erstaunt, bewegt und berührt, zu sehen und zu hören, dass Gottes Wort wirkt und Menschen „neu“ werden.

Und das Abenteuer mit dem gelebten Wort geht weiter und zieht Kreise.

Christian Heim auf www.priestergeschichten.de.

Biographisches

geboren 1968
1997 – 2002
Vikar in St. Johannes Baptist Rietberg
2002 – 2007
Diözesanbeauftragter für die Aussiedlerpastoral im Erzbistum Paderborn, Seelsorger in der Landesstelle NRW Unna-Massen, Mitglied der Migrationskommission der
DBK
2007 – 2009
Freistellung vom Dienst in der Diözese Paderborn
seit 25. März 2009 Priester der Gemeinschaft „Familie der Hoffnung“ im Dienst auf der Fazenda da Esperança

 

Fazenda da Esperança

Die ‚Fazenda da Esperança‘ (Hof der Hoffnung) ist in Brasilien aus dem gemeinschaftlichen Leben einiger engagierten Menschen einer katholischen Kirchengemeinde entstanden. Sie nahmen sich die Worte der Bibel als Leitlinie für ihr gemeinsames Leben und erfuhren, wie dadurch Ihr Denken und Handeln erneuert wurde. Ausgeschlossene und vernachlässigte Menschen, darunter Drogen- und Alkoholabhängige, lernten das Leben dieser Gruppe kennen, begannen deren Leben zu teilen und erfuhren so einen Neuanfang in ihrem Leben.

Im Laufe der Zeit sind weltweit über 60 Fazenda Gemeinschaften entstanden. Aktuell wagen über 2.000 junge Menschen einen Neuanfang und lernen, frei von ihren Abhängigkeiten, ein neues, selbstverantwortliches Leben. Mit den jungen Leuten leben und arbeiten auf den Frauen und Männer unterschiedlicher christlicher Konfessionen, die sich ganz dieser Aufgabe widmen und die Gemeinschaft ‚Familie der Hoffnung‘ bilden.

In Deutschland ist der gemeinnützige Verein Fazenda da Esperança – Deutschland e.V. der Träger der Gemeinschaft, mit Sitz in Nauen. Derzeit gibt es drei Höfe für junge Männer in Deutschland, vor den Toren Berlins, im Ostallgäu und am Niederrhein, und einen Hof für Frauen in der Nähe Brandenburgs. Das Leben ähnelt einer Lebensgemeinschaft und ist auf drei Säulen aufgebaut:

  • gemeinschaftliches Leben wie in einer Familie,
  • arbeiten für den Lebensunterhalt,
  • gelebte christliche Spiritualität aus dem Wort Gottes.

Die jungen Leute bleiben ein Jahr in der Einrichtung. Die einzigen Aufnahmebedingungen sind der in einem Brief festgehaltene Wille und Wunsch, ein neues Leben anzufangen. Es bedarf keiner Kostenzusage einer Krankenkasse.

Weitere Informationen auf der Internetseite der Fazenda da Esperança

Christian Heim