Zum Autor:

Dr. phil. José García, geboren 1958, Promotion in Mittelalterlicher Geschichte an der Universität Köln, arbeitet als Filmkritiker insbesondere für „Die Tagespost", für die Speyerer Kirchenzeitung „Der Pilger" und den Internetdienst „Familie und Erziehung". Mitglied im Verband der Deutschen Filmkritik.

Buchpublikationen:
„Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino" (MM-Verlag, 2007), „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen" (Sankt Ulrich Verlag, 2008).

 

Das Bild des Priesters im zeitgenössischen Film

Das filmische Bild des katholischen Priesters wurde für mehrere Generationen von „Don Camillo" geprägt. Der vom französischen Schauspieler Fernandel (1903-1971) dargestellte Geistliche lieferte sich mit dem kommunistischen Bürgermeister „Peppone" von 1952 bis 1965 in fünf Spielfilmen Wort- und sonstige Gefechte. Im Laufe eines halben Jahrhunderts hat jedoch nicht nur die Gesellschaft, sondern auch deren Abbildung auf der großen Leinwand einen tiefen Wandel erfahren.

 

Im Folgenden werden Spielfilme aus dem ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts herangezogen, in denen ein Priester eine herausragende Rolle spielt.

Eindrucksvollste Priestergestalt der letzten Kino-Jahre ist der im KZ Dachau inhaftierte Luxemburger Henri Kremer in Volker Schlöndorffs „Der neunte Tag" (2004). Der Film erzählt von einem außergewöhnlichen Vorgang: Der Geistliche, der mit wirklichem Namen Jean Bernard hieß, erhielt im Februar 1942 zehn Tage Urlaub aus dem KZ, um zur Beerdigung seiner Mutter zu fahren. Nach den Erinnerungen des Pfarrers hing das Leben der anderen Priester im KZ von seinem Entschluss ab, aus dem Urlaub zurückzukehren. Die vom Priester geäußerte Vermutung, mit diesem „Freigang" habe die Gestapo eine „Umschulung" des luxemburgischen Geistlichen und damit einen „Propagandaerfolg" erzielen wollen, liefert die Grundlage für den Kinofilm. Der Kunstgriff der Drehbuchautoren Eberhard Görner und Andreas Pflüger, den luxemburgischen Gestapochef als ehemaligen Seminaristen zu zeichnen, der kurz vor der Priesterweihe zur „Religion der Herrenmenschen" übergetreten sei, ermöglicht die theologische Auseinandersetzung, die im Mittelpunkt des Filmes steht. Henri Kremer widersteht den subtilen Einflüsterungen des Gestapo-Chefs. Dazu Regisseur Schlöndorff im Gespräch mit dem Autor dieses Beitrages: „Der Film ist die Geschichte einer Versuchung: Der Geistliche weiß von Anfang an, was richtig und was falsch ist, er weiß aber nicht, ob er stark genug sein wird."

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Im Spielfilm „Der neunte Tag“ wird der luxemburgische Pfarrer Henri Kremer (Ulrich Matthes) von Gestapochef Gebhardt (August Diehl) gedrängt, damit er seinen Bischof zur Kollaboration mit den Besatzern umstimmt.
Copyright: PROGRESS Film-Verleih, www.progress-film.de

Naturgemäß stehen katholische Priester etwa in Filmen im Mittelpunkt, die vom Exorzismus handeln. Der so genannte „Klingenberg-Fall", der Ende der siebziger Jahre für Schlagzeilen sorgte, wurde 2005 in zwei Spielfilmen fiktionalisiert, wobei sie je nach der Einstellung der Filmemacher zu unterschiedlichem Ergebnis kamen. In „Requiem" (2005) bedient sich der deutsche Regisseur Hans Christian Schmid einer linearen Erzählweise, um den Fall der Anneliese Michel darzustellen, die im Film Michaela Klingler heißt. Vertritt Schmid die Meinung, „dass ein Exorzismus kein geeignetes Mittel ist, um jemandem, der psychisch krank ist, zu helfen", so überlässt es der amerikanische Spielfilm „Der Exorzismus der Emily Rose" dem Zuschauer, eigene Schlüsse zu ziehen. Im Gegensatz zum Priester in „Requiem" wird der Geistliche in „Der Exorzismus der Emily Rose" als normaler, auf dem Boden der Realität stehender Mensch gezeichnet.

Entgegen der klischeebeladenen Darstellung eines pädophilen Priesters in Almodovars „Schlechte Erziehung" (2004), kreist der im Jahre 1964 angesiedelte „Glaubensfrage" (2008) gemäß dem Originaltitel („Doubt") um die Folgen von Ehrverletzungen in einem katholischen Milieu. Der charismatisch und lebensfroh wirkende Father Flynn wird verdächtigt, einem jungen Schüler „zu viel Aufmerksamkeit" zu widmen. Basierend auf einem Theaterstück zeigt „Glaubensfrage" seine besonderen Stärken in den kammerspielartigen Wortgefechten, die sich der Priester mit einer älteren Ordensfrau und Schulleiterin liefert.

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Don Livio (Gennaro Nunziante) ist sich gar nicht sicher, ob die jungen Brautleute auf die Ehe genug vorbereitet sind. Deshalb lässt er sich während der Trauung eine kleine Überraschung einfallen, um sie und die Hochzeitsgäste zum Nachdenken anzuregen – so die Rahmenhandlung von „Casomai – Trauen wir uns?!“
Copyright: Schwarz-Weiss Filmverleih, www.schwarzweiss-filmverleih.de

Ein Priester, der „Don Camillo" in Sachen Schalkhaftigkeit in nichts nachsteht, kommt ebenfalls aus Italien: In Alessandro D'Alatris „Casomai - Trauen wir uns?!" (2002) setzt der junge, sympathische Don Livio während einer Trauung einen Kunstgriff ein, um den Brautleuten Mut zu machen, den Spagat zwischen Leistungsgesellschaft und Familie in einer immer egoistischer werdenden Gesellschaft erfolgreich zu stehen. Ebenfalls sympathisch, hilfsbereit und um das Seelenheil seiner Gemeinde besorgt, schildert Clint Eastwood in seiner letzten Regiearbeit „Gran Torino" (2008) den blutjungen Priester, der den Protagonisten, den verwitweten Walt Kowalski, immer wieder zur Beichte zu bewegen sucht. Die sympathische Figur des jungenhaft, aber ebenso ernst wirkenden Father Janovich bleibt dem Zuschauer in bester Erinnerung.

Trotz vereinzelter kritischer Darstellung ist das Bild des katholischen Priesters im Kino des neuen Jahrhunderts überwiegend positiv. Größtenteils jung, engagiert und um die ihm anvertrauten Menschen besorgt, hinterlässt der „Film-Priester" meistens einen nachhaltigen Eindruck.

José García

Im Beitrag erwähnte Spielfilme

„Der neunte Tag“,
Deutschland / Luxemburg 2004, Regie: Volker Schlöndorff,
PROGRESS Film-Verleih

„Der Exorzismus der Emily Rose“ (The Exorcism of Emily Rose),
USA 2005, Regie: Scott Derrickson

„Requiem“,
Deutschland 2005, Regie: Hans Christian Schmid

„Schlechte Erziehung“,
Spanien 2004, Regie: Pedro Almodóvar

„Glaubensfrage“ („Doubt“) ,
USA 2008, Regie: John Patrick Shanley

„Casomai – Trauen wir uns?!“,
Italien 2002, Regie: Alessandro D'Alatri
Schwarz-Weiss Filmverleih

„Gran Torino“,
USA 2008, Regie: Clint Eastwood,
Warner Bros. Pictures Germany