Gunther Jäger

Pfarrer am Polarkreis
Ein Niederbayer in Nordnorwegen

portrait_jaeger2.jpgGunther Jäger liebt seine Pfarrei Heilig Geist in Nordnorwegen - auch wenn seine 360 Schäfchen auf 17 323 Quadratkilometern verstreut leben. Dass er im Winter auch einmal eine achtstündige Autofahrt auf sich nehmen muss, um den Gottesdienst in einer entlegenen Kirche zu feiern, daran hat er sich schon lange gewöhnt. Dass er aber in seelsorglichen Notfällen nicht schnell vor Ort sein kann, das schmerzt ihn noch heute.

„Man muss als Pfarrer in Norwegen ein Allround-Talent sein", sagt Jäger und lacht. „Hier ist man sein eigener Mesner, Sekretär und Haushälter - aber dafür gibt's nicht so viele Verwaltungsaufgaben wie in Deutschland." Seit 2002 wohnt der gebürtige Deggendorfer abwechselnd in den beiden Pfarrorten Mosjöen und Mo i Rana. Seine Pfarrei umfasst die ganze Provinz Helgeland: „Weil Nordnorwegen ein schmaler, lang gezogener Küstenstreifen ist, reicht sie vom Pfarrort Mosjöen 300 Kilometer nach Süden und 200 Kilometer nach Norden bis zum Polarkreis."

Für den 47-Jährigen gehört die gepackte Reisetasche schon wie selbstverständlich zum Leben. Und auf den Fahrten im dunkelgrünen Corsa ist Pudel-Terrier-Dame Mimmi immer dabei. Da in Helgeland nur 360 Katholiken leben, beschreibt er das Verhältnis zu ihnen als „sehr eng". „Bei 360 Gemeindemitgliedern ist das für jeden Tag einer", sagt der engagierte Geistliche. Und das meint er ernst.

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Damit er seine seelsorglichen Pflichten in der extremen Diaspora besser erfüllen kann, hat er sogar eine Webcam an seinem Computer und telefoniert mit den Gemeindemitgliedern via Skype. Skype ermöglicht das kostenlose Telefonieren über das Internet von Computer zu Computer. Durch die Kameraaufzeichnung kann Jäger seine Gesprächspartner sehen - umgekehrt natürlich auch. „So hat man wenigstens ein bisschen das Gefühl von Nähe." In Notsituationen, wie Todesfällen oder Trennungen, schmerzt es den Geistlichen sehr, dass er nicht sofort für die Menschen da sein kann. Dann ist es gut, dass seine Reisetasche gepackt im Auto steht und er so schnell wie möglich losfahren kann.

Die Mitglieder der Pfarrei Heilig Geist kommen aus 37 Nationen. Die größte Gruppe sind die Philippiner, es leben aber auch Ungarn, Chilenen, Litauer und Deutsche in Nordnorwegen. Gepredigt wird immer auf Norwegisch und Englisch. „In der Gemeinde gebraucht niemand meinen Familiennamen, hier werde ich father Gunther genannt, und wir sind alle per Du", sagt der große, schlanke Pfarrer.
In Nessa sind zurzeit auch 100 polnische Gastarbeiter, hier feiert er die Messe auf Polnisch. Das hat sich der sprachbegabte Mann selbst beigebracht. In Norwegen kommt es im sehr zu gute, dass er neben Deutsch auch fließend Norwegisch und Englisch spricht. „Die Menschen begrüßen, verabschieden und ihnen Danke sagen, kann ich aber in fast allen Sprachen meiner Gemeindemitglieder."

Und auch beruflich hat der Niederbayer viele Talente: Vor seiner Berufung zum Priester hat er Ausbildungen zum Gärtner und zum Krankenpfleger gemacht. Zudem hat er mit Behinderten und Obdachlosen gearbeitet. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass es im Pfarrsaal in Mosjöen eine „Varmestua", eine Wärmestube für Drogenabhängige gibt. „Und in Mo i Rana unterstützen wir Katholiken das ‚Barmhjetighetens hus', das Barmherzigkeitshaus für die Drogenabhängigen." Zudem besuchen die Pfarrgemeindemitglieder zwei Mal im Monat das Helgelandgefängnis mit selbstgebackenem Kuchen. „Wir sind uns unserer sozialen Verantwortung als Christen bewusst."

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Fotos: © Bonifatiuswerk

Finanzielle Hilfe aus Deutschland bekommt die Pfarrei vom Bonifatiuswerk. „Ohne die solidarische Unterstützung der deutschen Katholiken, wären unsere Pfarrhäuser und die Kirchen nicht gekauft und anschließend über mehrere Jahre instand gesetzt worden." Besonders dankbar ist er deshalb auch den Katholiken aus seinem Heimatbistum Regensburg, die an das Diaspora-Hilfswerk spenden.
Seine philosophischen und theologischen Studien hat der 47-Jährige in den Priesterseminaren von Edingburgh und Glasgow in Schottland absolviert. Bischof Walter Mixa weihte ihn 1997 in seiner Heimatstadt Deggendorf zum Priester. Zwei Jahre lang war Jäger als Kaplan in Regensburg tätig, bevor er auf Einladung des bereits verstorbenen Bischofs Gerhard Ludwig Goebel nach Nordnorwegen kam. „Natürlich fehlen mir die Menschen in Deutschland - aber nach sechs Jahren in Norwegen habe ich mich an das Leben hier gewöhnt." Dabei geholfen hat ihm vor allem der enge Zusammenhalt der Katholiken in seiner Pfarrei. „Anders ginge das auch gar nicht, denn der nächste Pfarrer wohnt in Levanger, das ist 340 Kilometer entfernt."

Gelernt hat er in den letzten Jahren vor allem, dass Not erfinderisch macht: „Weil uns das Geld fehlte, hat ein Mitglied unsrer Pfarrei einen wunderschönen Baldachin aus Gardinen angefertigt, der beim Fronleichnamsfest zum ersten Mal zum Einsatz kam", erinnert sich Jäger und lächelt. Vom Himmel gab es an diesem Tag dazu noch strahlenden Sonnenschein, und die Prozession zog mit dem neuen Baldachin durch die Stadt Mosjöen.

Carolin Meyer,
Bonifatiuswerk