Padre Chifri

Vom Himmel gefallen
Padre Chifri sitzt im Rollstuhl und betreut abgelegene Gemeinden in den argentinischen Anden

Text: Christian Frevel
Fotos: Jürgen Escher, © Adveniat

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Pfarrer Sigfrido Moroder,
genannt Padre Chifri

Das Valle de Lerma, das Tal von Lerma, ist in Argentinien bekannt für den Tabakanbau. Keine hochwertigen Blätter für die Zigarrenproduktion, sondern guter Durchschnitt für die Zigaretten des „American Blend", also der amerikanischen Mischung werden hier angebaut, die dann nach Ernte, Verarbeitung und Export in den USA als Bestandteil der Zigaretten dienen, die die Welt raucht.

In Rosario de Lerma, einem kleinen, verschlafenen Nest am Fuß der Anden, endet das Tal. Hier biegt der „Tren a las Nubes", der „Zug in die Wolken" auf seinem Weg von der Regionalhauptstadt Salta ein in die engen Schluchten des Hochgebirges. Es ist eine für die Fahrgäste zeitweise atemberaubende Fahrt, ein Meisterwerk der Ingenieurkunst: Der Zug kämpft sich über Serpentinen, Kehren und schmale Brücken hinauf zu den Passhöhen der Anden. Seitdem Lastwagen Frachten schneller und preiswerter transportieren als die Eisenbahn, fährt der Zug nur noch samstags für zumeist internationale Touristen.

Pfarrer in Rosario de Lerma ist Sigfrido Moroder, genannt Padre Chifri, weil hier im argentinischen Andenraum niemand den deutschstämmigen Namen, den er im Angedenken an seinen aus Österreich ausgewanderten Großvater erhielt, richtig aussprechen kann. Zur Pfarrei gehören 21 Dörfer mit 21 Schulen und mehr als einem Dutzend Kapellen. Seit 1998 wirkt Padre Chifri in der Pfarrei von Rosario de Lerma im Nordwesten Argentiniens.

Padre Chifri ist abgestürzt. Seitdem sitzt er im Rollstuhl. Der 41-jährige Priester war und ist ein begeisterter Sportler. Die Pfarrei ist groß, und vor seinem Unfall war Padre Chifri manchmal zwei Tage unterwegs, um die Gemeinden in den oft weit abgelegenen Dörfern zu besuchen. Zehn Stunden hinauf, zuerst mit dem Fahrrad, den unwegsamen Rest zu Fuß. Am nächsten Tag zehn Stunden wieder herunter. „Ich wollte diese Zeit verkürzen, indem ich für den Weg ins Tal einen Paragleiter benutzte", erzählt Padre Chifri. Er nahm Flugstunden, perfektionierte sein Können und trug fortan neben den Messutensilien auch einen Paragleiter im Rucksack in die Andendörfer - manche auf 4.000 Meter Höhe gelegen. Padre Chifri hatte schon mehr als 200 Flüge hinter sich, als ein heftiger Wind den Gleiter erfasste und nach unten drückte.

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Die Jugendgruppe macht Katechese-Unttericht mit Puppen (Mitte: Padre Chifri)"

Sigfrido Moroder, genannt Chifri, Priester, Sportler und Motivator für die gesamte Pfarrei, stürzte ab. Büsche bremsten den Fall, doch er blieb schwer verletzt liegen, konnte sich nicht mehr bewegen.

Es dauerte mehr als zwölf Stunden, bis Helfer ihn fanden und ins Krankenhaus brachten. Der erste Beckenwirbel war gebrochen. Chifri konnte seine Beine nicht mehr fühlen.

Für den dynamischen Mann begann ein neuer Lebensabschnitt: „Ich lernte die Demut und wie sehr man auf andere angewiesen ist." Sigfrido Moroder war gemeinsam mit seinen Schwestern Gabi und Ani aus der argentinischen Hauptstadt in die Andenpfarrei gekommen. Entschlossen hatte er angepackt, wo Not war, hatte Kapellen gebaut in den entlegensten Dörfern, Genossenschaften gegründet, die Bildung, insbesondere auch die religiöse Bildung, mit neuem Leben erfüllt. „Deshalb war der Schock groß für die Gemeinde", sagt Magdalena Figueroa. Sie war eine der Ersten, die sich meldeten, um Padre Chifri zu helfen. Schnell war ein Aufzug ans Pfarrhaus angebaut, schnell war ein Fahrdienst organisiert, um den Padre zu den Gottesdiensten zu bringen.

padre_chifri4.jpgDas Pfarrhaus wurde ungebaut, ein Lastenaufzug transportiert Padre Chifri in das erste Stockwerk, wo Schlafzimmer, Büro, Küche und - seit dem Unfall - auch Fitness- und Rehabilitationsgeräte stehen. Täglich trainiert Sigfrido Moroder seine Muskeln an den Geräten, die man in Deutschland aus Fitness-Studios kennt. Für ihn sind sie nicht Freizeitgestaltung, sondern Hilfe zur Lebensgestaltung. Mit Erfolg: Mit eisernem Willen müht er sich an Rehabilitationsgeräten - und schafft es bereits wieder, mit Hilfe von Krücken zu laufen. „Ein Wunder", meint seine Schwester Ani.

Gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Gabi führt die 46-Jährige dem Bruder den Haushalt und sorgt sich um die Rehabilitation.

Die Schwestern leiten auch die Sozialwerke der Gemeinde: Im „comedor", der Armenspeisung der Gemeinde, werden beispielsweise täglich zwischen 90 und 120 Kinder verpflegt - für manches Mädchen und Jungen die einzige warme Mahlzeit am Tag. Finanziert wird die Armenküche aus Aktionen und Spenden aus der Gemeinde. „Mit der Krise von 2002 haben viele Familien ihren Job und ihre Ersparnisse verloren - und sind seitdem bitterarm, ohne diese Situation ändern zu können", sagt Ani Moroder. Einigen Frauen bietet die Gemeinde Kurse zur Herstellung von Kunsthandwerk an, die man hofft, an die wenigen Touristen verkaufen zu können: Seit zwei Jahren wird an den Webstühlen im Erdgeschoss de Pfarrhauses fleißig gearbeitet.

Gabi Moroder hilft in der Katechesearbeit der Gemeinde, leitet gemeinsam mit ihrem Bruder die Ausbildungskurse für Katecheten, Lektoren oder Jugendgruppenleiter. Jugendliche Katecheten haben große Stoffpuppen gebastelt, mit denen sie in die abgelegenen Dörfer der: Pfarrei ziehen. Damit führen sie Theaterstücke vor allem für die meist indianischen Kinder in den Dörfern auf, die Abschnitte aus der Bibel vermitteln.

Magdalena Figueroa bringt Padre Chifri an diesem Morgen nach El Rosal der letzten Gemeinde, die noch per Auto erreicht werden kann. Unterwegs zum Mittagessen machen sie Halt bei der Familie von Victor und Julia Vilca. Seit 52 Jahren sind die beiden verheiratet, und aus der Ehe sind vier Kinder hervorgegangen. Ein Sohn wohnt in der Hauptstadt Buenos Aires, ein anderer Sohn und die beiden Töchter in der Regionalhauptstadt Salta: „Hier gibt es doch keine Arbeit, nur: im Steinbruch", berichtet Victor Vilca. „Und der zerstört doch nur die Natur." In einer Mine, knapp eine Fahrtstunde die Hauptstraße hinauf, wird Borax abgebaut. Die Lastwagenfahrer versuchen, mit der Ladung Geld zu verdienen und tricksen an der Wiegestation. Unterwegs, auf dem Weg ins Tal, wird ein Teil der teuren aber gefährlichen Ladung von Hand auf Kleinlaster umgeladen - weil es schnell gehen muss, landen Teile des weißen Rohstoffs auf dem Boden und sickern in den Fluss.

Aus dem Weiler Incamayo, wo Victor Vilca wohnt und seine Bohnen, seinen Mais und sein Obst anbaut, sind bereits drei der einst zwölf Familien weggezogen. Die Kinder sind ohnehin während der Woche im Internat, zwei Dörfer weiter, mehr als zwei Stunden Fußweg den Berg hinauf. Am Wochenende kommen sie zurück in die Familien.

Perspektiven, meint Victor Vilca, gebe es kaum für die Jugend. Samstags kommt die Katechetin, Marcela Quintana, mit dem Bus nach Incamayo und trifft sich mit den Kindern. Zurück nimmt sie den gleichen Bus, der dann von der Endstation aus nachmittags auf dem Weg nach Rosario de Lerma in Incamayo wieder vorbeikommt.

Magdalena Figueroa steuert den Allradwagen weiter hinein in das Gebirge, weiter geht es auf einer steilen Nebenstraße, vorbei an meterhohen Kakteen und vereinzelten Häusern, immer dort, wo es Wasser gibt. Einst verlief hier ein wichtiger Pfad der Inka - davon zeugen hier gefundene Mumien, die man heute im Museum der Regionalhauptstadt Salta sehen kann. Dort, wo die Straße endet, liegt El Rosal. 20 Familien leben hier, und mit Hilfe von Padre Chifri haben sie innerhalb von drei Jahren eine eigene kleine Kirche gebaut.

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Besuch der Familie Vilca in Incamayo, gemeinsames Gebet vor dem Essen

„Die Ziegel haben wir selbst hergestellt, so wie wir auch die Ziegel unserer Häuser fertigen", berichtet Julio Erazo, einer der Männer im Dorf. „Jeder hat mitgeholfen, die Planung haben wir jedoch einer Architektin aus der Stadt überlassen, denn mit so großen Bauwerken hatten wir keine Erfahrung." Als im Oktober 2006 die Kapelle geweiht wurde und den Namen Santa Teresita erhielt, blickten die Dorfbewohner voller Stolz auf ihre Kirche, die durch ein großes, kreuzförmiges Fenster den Blick auf die Andenhänge eröffnet.

„Treibende Kraft, unser Ansporn, war Padre Chifri", meint Julio Erazo. „Als er seinen Unfall hatte, wollten manche auch mit dem Kirchbau aufhören. Aber dann hat er uns wieder angespornt, obwohl es doch unsere Rolle hätte sein müssen, ihn zu stützen und zu motivieren." Eine kleine Glocke ruft die Menschen des Dorfes zum gemeinsamen Gebet. Padre Chifri sind Freude und Anstrengung ins Gesicht geschrieben, als er erstmals wieder eigenständig - wenn auch gestützt auf Krücken - die Kirche betritt. Langsam, die Beine mit den Hüften nach vorne schiebend, setzt er sich auf eine einfache, rohe Holzbank, schlägt das Kreuzzeichen und betet. Lange schaut er aus dem Kirchenfenster auf die Andengipfel, hinter denen die anderen Dörfer liegen. „Irgendwann möchte ich dort wieder allein hinkommen, so Gott will."